Das Huhn sagt zum Schwein: „Es wird so viel Schinken mit Spiegelei gegessen, wollen wir nicht fusionieren?“ – „Ja“, sagt das Schwein schnell und unbedacht, reicht aber sofort nach: „Dann überlebe ich ja diese Fusion nicht.“ Das Huhn: „Bei einer Fusion geht immer einer drauf.“ Nun, ich war acht Jahre im Stadtrat Rapperswil, habe gesehen, miterlebt und mitgetragen, wie mühsam grenzüber-schreitende Probleme zwischen Jona und Rapperswil immer wieder zu lösen waren. Ich habe dann 2007, auch etwas unbedacht (wie das Schwein), Ja zur Fusion gesagt. Zwar ist weder Rapperswil noch Jona eingegangen, aber eine eingespielte gelebte Demokratie ging in beiden Gemeinden verloren.
 
Abgesehen vom Stadttunnel und der orangen Info-Tafel interessiert sich kaum jemand für das politische Leben der Stadtgemeinde. Es finden jährlich zwei bis drei Bürgerversammlungen statt, bei der Budgetgemeinde am 9. Dezember 2010 waren von 15400 Stimmberechtigten rund 236 oder 1,34 % anwesend. Die müden, desillusionierten und gesättigten Bürgerinnen und Bürger interessiert nicht mehr viel. Der abgehobenen Exekutive im elfenbeinernen Turm sind sie nicht mehr nahe genug. Die Entfremdung von Elite und Volk nimmt zu. Hier ein kleines Beispiel: Als ich einmal in kleinem Kreis drei Stadträten vorschlug, im westlichen Gemeindegebiet ein Filialbüro der Stadt-verwaltung zu eröffnen, als Anlaufstelle für kleine tägliche Obliegenheiten, verneinten das alle drei sofort und unisono, fast bevor ich den Vorschlag überhaupt fertig ausgesprochen hatte. Erwartet hätte ich: „Darüber könnte man ja diskutieren.“
 
Und wo ist eigentlich die staatspolitisch engagierte und rebellische Jugend geblieben? Ist sie im Balkansmog verstummt? Es ist absolut im Trend, aus so genannten rationalen Gründen alles zusammenlegen zu wollen (von steuerlichen Erleichterungen in Rapperswil-Jona habe ich übrigens noch nichts gemerkt). Ueberlegungen, was den Menschen und der menschlichen Gemeinschaft wohl tut, werden nicht beachtet, sogar völlig ausgeblendet. Materielles Denken steht im Zentrum, immaterielle Gedanken hat man gar keine. Vor kurzem wurde laut darüber nachgedacht, die Schweiz auf sechs Kantone zu reduzieren. Thurgau, St. Gallen, Glarus wären ein Kanton. Hat man vergessen, dass eine der ganz grossen Stärken der Schweiz der Föderalismus ist? Und dieses Erfolgsmodell hört an der Kantonsgrenze nicht auf.
 
Aber es lauert allerorts die Gefahr der Anonymisierung durch die fast pathologisch gewordenen Fusionsbestrebungen. An der Expo 64 in Lausanne beeindruckten mich die weit über 3000 Gemeindefahnen, heute hingen noch 2551 (Stand am 1.1. 2011) an den Masten. Und bei der nächsten Expo, wenn das so weiter geht, vielleicht noch einige Hundert. „Zu Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“ und die staatliche Urzelle Familie, die Gottfried Keller meint, muss in einem übersehbaren, erlebbaren und mitbestimmbaren Gemeinwesen eingebettet sein: „Macht die Zäune nicht zu weit“, mahnt Bruder Klaus, und hat die Eidgenossenschaft im Stanser  Verkommnis wieder auf den Boden gebracht. Mir steht nicht zu, den oberen Gemeinden des Seebezirks Empfehlungen abzugeben. Aber: Hütet euch am Morgarten.
 
Herbert Oberholzer
Rapperswil-Jona